Winter-Blues

Hamburg - "Mehr Licht", lebte Goethe in heutiger Zeit, könnte sein letzter Wunsch leicht erfüllt werden. Glühende Drähte,
strahlende Gaswolken und hüpfende Elektronen in Halbleitern liefern Licht in nahezu allen gewünschten Farben und
Intensitäten. Gerade in diesen düsteren Wintertagen können geeignete Lampen effektiv die Stimmung heben und sogar die
so genannte saisonal abhängige Depression (SAD) vertreiben. 

"In der kalten Jahreszeit beobachten wir einen Anstieg depressiver Erkrankungen um zehn Prozent", sagt Ulrich Hegerl,
Professor von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. So leiden in unseren Breiten
rund sechs Prozent der Bevölkerung an einer Herbst-Winter-Depression. Insgesamt mindert der jahreszeitlich bedingte
Lichtmangel bei jedem fünften Mitteleuropäer in irgendeiner Form das Wohlbefinden. Die Folgen: Leistungsmangel,
Schlafstörungen, depressive Stimmungslage und Heißhunger auf Süßes. 

Eine tägliche Lichtdusche zwischen 30 und 180 Minuten kann in vielen Fällen helfen. Denn "Unser Gehirn braucht etwa
zwei Stunden täglich richtig helles Licht", so Siegfried Kasper, Spezialist für Lichttherapie in der Abteilung für allgemeine
Psychiatrie an der Universität Wien. Mit 2500 bis 10 000 Lux übersteigt die Lichtintensität, die während der Therapie auf
das Auge auftrifft, die in normal ausgeleuchteten Räumen um das 5- bis 20fache. Selbst das Tageslicht bei bedecktem
Winterhimmel reicht mit rund 1500 Lux nicht an diese Werte ran. 

"Wie die Lichttherapie – trotz offensichtlicher Erfolge – genau auf den Menschen wirkt, ist noch nicht vollkommen klar",
sagt Florian Müller-Siecheneder, Facharzt für Psychiatrie im Team von Professor Hegerl. Wahrscheinlich beeinflusst das
Licht, das über die Retina eines Patienten aufgenommen und als Nervenreiz ans Hirn weitergeleitet wird, positiv den
Serotonin-Haushalt. Dieser Botenstoff wirkt regulierend auf die Stimmung, den Schlaf und den zirkadianen Rhythmus, der
"inneren Uhr, eines Menschen. 

Das Herzstück einer solchen intensiven Therapielampe bilden spezielle Leuchtstoffröhren, die das Spektrum des
natürlichen Sonnenlichts möglichst gut nachahmen. Auf den ersten Blick leuchten sie genauso weiß wie normale
Gasentladungsröhren auch. Die Unterschiede liegen in der inneren Beschichtung der luftleeren Glaskörper und in speziellen
verdampfenden Metallen. 

In einer gezündeten Leuchtstoffröhre schlagen Elektronen, die aus einer geheizten Glühwendel austreten, auf die Atome in
einer Wolke aus Quecksilberdampf. So angeregt, sendet das Quecksilberatom unsichtbares ultraviolettes Licht mit 254
Nanometer Wellenlänge aus. Diese Lichtteilchen treffen auf die fluoreszierende Innenbeschichtung der Glasröhre und
regen die Atome an. Aufgrund dieser Anregung werden abermals Lichtteilchen ausgesendet, diesmal aber im Bereich des
sichtbaren Lichts. Handelsübliche Leuchtstoffröhren sind mit drei verschiedenen Materialien beschichtet, die aus dem
UV-Licht blaues, grünes und gelbes Licht erzeugen. In der Summe erkennt das menschliche Auge schlichtes Weißlicht,
das allerdings nicht dem kontinuierlichen Sonnenspektrum entspricht. 

Tageslichtlampen nähern sich deutlich besser an das Sonnenlicht an, da statt drei Fluoreszenz-Stoffen bis zu fünf
leuchtende Beschichtungen verwendet werden. Zudem verbessert sich das Lichtspektrum, wenn neben Quecksilber auch
Atome von so genannten Seltenen Erden – dazu gehören Elemente wie Lanthan, Cer oder Neodym – Lichtteilchen auf die
innere Beschichtung schleudern. Je nach Element verfügen diese Photonen über eine andere Energie als bei dem
254-Nanometer-Licht von Quecksilber und können dadurch andere, das Spektrum ergänzende Lichtfarben erzeugen. 

Doch so nützlich ausgeklügelte Leuchtstoffröhren auf die menschliche Psyche wirken können, so kalt und störend sind sie,
wenn sie flackern oder die Mischung der Leuchtstoffe nicht ideal abgestimmt ist. Daher wird der Betrieb einer solchen
Lampe zunehmend elektronisch gesteuert, so dass das menschliche Auge kein störendes Flackern mehr wahrnehmen
kann. 

Doch bevor sich unter dem "Winter-Blues" leidende Menschen relativ teure Tageslichtlampen zulegen, sollte man vorher
sein Freizeitverhalten überprüfen. Denn häufig reichen längere Spaziergänge tagsüber, um effektiv gegen erste Anzeichen
einer saisonalen Depression anzugehen. (wsa030128jol1)

                                                                          Autor: Jan Oliver Löfken 
                                                                           Quelle: Eigenrecherche
 
 

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