Wie wichtig ist Körpersprache?

 
Boulder (USA)/Provo (USA) - Körpersprache hat Konjunktur. Kein Bewerbungstraining, kein Coaching findet statt ohne ausführliche Vermittlung von Regeln und Bedeutungen von Körpersprache. Amerikanische Wissenschaftler, die zahlreiche Kommunikationssituationen gefilmt und ausgewertet haben, sind jetzt zu dem Schluss gekommen, dass die Körpersprache überbewertet wird. Nur alles zusammen - das gesprochene Wort, die Satzmelodie, die Kommunikationsumgebung und die Körpersprache - könne zu einem guten Verständnis der Kommunikationspartner führen. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Forscher im "Journal of Communication".
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"Wenn man sich allein auf Körpersprache konzentriert, um 'Gedanken zu lesen', dann kann dies zu ernsthaften Missverständnissen führen", warnen Stanley Jones von der University of Colorado und Curtis LeBaron von der Brigham Young University. "Man muss die ganze Botschaft lesen, auch wie Körpersprache und das gesprochene Wort zusammenpassen und wie Individuen ihr Verhalten miteinander abstimmen. Sogar die Umgebung der Kommunikation kann den gesprochenen Worten und der Körpersprache eine spezielle Bedeutung verleihen." So kann beispielsweise die Schulterberührung eines anderen mindestens vier Bedeutungen haben, von denen in einer Situation meist nur eine gemeint ist: "Es hängt davon ab, ob der Berührer sagen will 'danke', 'es geht gut voran', 'hoffe, es geht dir besser' oder 'ich bin heute gut drauf'", so Jones. 

An der Kommunikationssituation der Wortübernahme erläutern die Forscher, wie Ton, Satzmelodie, Gestik und Mimik ineinander greifen: Das "Wort-Erbittungsverhalten" macht sich oft dadurch bemerkbar, dass der zuhörende Gesprächspartner sich zum Sprecher hinüberlehnt, ihm schnell hintereinander zunickt und den direkten Augenkontakt sucht. Das "Wort-Unterdrückungs- verhalten" des Sprechers, mit dem er jemand anders hindern will, das Wort zu ergreifen, tritt oft dadurch zutage, dass der Sprecher eine Hand leicht in der Luft lässt und seine Stimme eine Tonlage höher geht. Dagegen ist ein "Wort-Abtretungsverhalten"
meist dadurch gekennzeichnet, dass der Sprecher seinen Satz mit einer sprachlichen Dehnung beendet und gleichzeitig seine Hand sinken lässt. 

"Eine erfolgreiche Wortübernahme zwischen verschiedenen Sprechern ist die wertvollste Fertigkeit, die Menschen in einer Organisation anwenden können, um gut zu kommunizieren", erklärt Stanley Jones. Er und sein Kollege LeBaron beraten auch Unternehmen, die meinen, Kommunikationsprobleme zu haben. Dazu installieren sie in einem Besprechungszimmer - mit Einverständnis der Auftraggeber - eine kleine Kamera, die die Konferenz aufzeichnet. Anschließend wird das Video
Einstellung für Einstellung und Äußerung für Äußerung durchgegangen. Die Ausgabe des "Journal of Communication", in dem die Forscher ihre Ergebnisse veröffentlichten, enthält eine CD mit Video-Clips von Fallbeispielen. "Dies ist das erste Mal, dass eine Fachzeitschrift so etwas mitschickt", sagt LeBaron.

(wsa021219dm1)      Autor: Doris Marszk       Quelle: University of Colorado / Brigham Young University

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