wsa 15.11.2002 Starke Hierarchien führen zu schwachen Entscheidungen [Betriebspsychologie]

Toronto (Kanada) - Alltag im Büro: Der Chef äußert selbstbewusst seine Meinung, die Angestellten oder Untergebenen stimmen entweder zu oder halten den Mund, wenn sie anderer Meinung sind. Jetzt zeigt ein kanadisch-amerikanisches Wissenschaftler-Team, dass ein starkes Machtgefälle in Unternehmen nicht nur sozial unangenehm ist, sondern auch zu weniger tragfähigen Entscheidungen führt. Die Ergebnisse werden in der Dezember-Ausgabe des "Journal of Personality and Social Psychology" veröffentlicht.

"Wenn Untergebene mit ihrer wahren Meinung hinter dem Berg halten, können sie keinen Einfluss auf Entscheidungen nehmen", erklärt Jennifer Berdahl von der Rotman School of Management in Toronto. "Dies könnte Auswirkungen auf ihre berufliche Leistung haben und die Entscheidungen schwächen, die eine Organisation trifft." Berdahl und ihr Kollege Cameron Anderson von der Northwestern University haben eine Gruppe von 300 Studenten nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt: in "Supervisoren" (Leiter) und "Untergebene". In einzelnen Leiter-Untergebene-Gruppen sollten sie Entscheidungen über die Prämienverteilung an (fiktive) Firmenangestellte treffen.

Die Wissenschaftler entdeckten, dass diejenigen, die die Leiter-Rolle hatten, unbekümmert und frei ihre Meinung äußerten. Die Studenten in den Untergebenen-Rollen hingegen zögerten sehr, bevor sie einen etwaigen Einwand gegen die Meinung des Bosses vorbrachten. Das führte schnell dazu, dass die "Bosse" mehr Einfluss im Team gewannen.

Die "Untergebenen", dies zeigte sich ebenfalls in der Studie, überschätzten in hohem Maße den Ärger, den sie ihren "Chefs" mit einer abweichenden Meinung bereiten könnten. Außerdem unterschätzten sie, wie hoch sie in der Achtung ihrer "Chefs" standen.

"Je flacher Unternehmenshierarchien sind, desto besser - das zeigen unsere Forschungen", erklärt Berdahl. "Je größer das Machtgefälle zwischen Individuen gerade in Entscheidungsprozessen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von schwachen Entscheidungen." (wsa021112dm1)